Schweizerischer Nationalfonds / Fonds national suisse
Wenn Charakterzüge von Politikern und Politikerinnen die Demokratie gefährden
Bern (ots)
Um die Polarisierung der Gesellschaft besser zu verstehen, hat ein politikwissenschaftliches Team Wahlanalysen mit psychologischen Konzepten verknüpft. Die Resultate zeigen, dass bestimmte Persönlichkeitszüge die Entwicklung antreiben.
Die Persönlichkeit von Führungsfiguren scheint einen direkten Einfluss auf die Polarisierung der Gesellschaft zu haben. Mit Unterstützung des Schweizerischen Nationalfonds (SNF) ist eine Forschungsgruppe der Universität Lausanne unter der Leitung von Diego Garzia der Frage nachgegangen, inwiefern die Ausprägungen bestimmter Charakterzüge von politischen Entscheidungstragenden die Kluft zwischen politischen Lagern verschärfen. Die Studie wurde im European Journal of Political Research veröffentlicht. Sie deutet darauf hin, dass eine Kombination aus den in der Personalpsychologie wichtigen, als Narzissmus, Machiavellismus und Psychopathie bezeichneten Ausprägungen die zunehmende Polarisierung vertieft.
"Die Polarisierung ist eine Bedrohung für die Demokratie", findet Mitautor Frederico Ferreira da Silva und erklärt: "Sie schmälert die Kooperationsbereitschaft der Parteien, behindert die Tätigkeit von Regierungen und vergiftet zwischenmenschliche Beziehungen."
Die Wahrnehmung der eigenen Gruppe ist entscheidend
Die gruppenbezogene Polarisierung, auch affektive Polarisierung genannt, entstand als Konzept in den politikwissenschaftlichen Debatten der 1980er Jahre, fand jedoch erst um 2010 Eingang in die Fachliteratur. Seitdem wird es immer häufiger als Erklärungsansatz für das rauere politische Klima herangezogen, vor allem für die feindliche Gesinnung zwischen politischen Lagern. "Die Wählenden sehen manchmal viel ausgeprägtere Differenzen, als es die politischen Positionen der jeweiligen Parteien nahelegen würden", sagt Ferreira da Silva. "Diese Wahrnehmung hat vor allem mit der Rethorik im eigenen Lager zu tun. Beobachten lässt sich dies zum Beispiel in den USA zwischen der Republikanischen und der Demokratischen Partei. Obwohl sich ihr politisches Programm inhaltlich nicht radikal unterscheidet, stehen sich die beiden Lager äusserst feindselig gegenüber."
Von den westlichen Demokratien hat sich in den letzten Jahren in den USA die Politisierung am stärksten verschärft. In ihrer Studie kompilierten die Forschenden denn auch die Ergebnisse mehrerer Umfragen in den USA, in denen es um die wachsende Feindseligkeit zwischen den Wählenden der beiden Parteien geht. Und ihr Fazit zeigt, dass auch dort die Kluft insbesondere durch die Persönlichkeitsausprägungen der politischen Führungsfiguren vertieft wird.
Eine Fülle von Wahldaten und psychologische Evaluationen
Ausserhalb der USA stützten sich die Forschenden auf Meinungsumfragen, die in 60 Ländern nach Wahlen durchgeführt wurden. Die Schweiz gehört nicht dazu. Die Daten bezogen sie einerseits aus der CSES-Datenbank, die seit 1994 von der University of Michigan und dem deutschen Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften geführt wird. Diese Quellen verknüpften sie andererseits mit der Datenbank NEGex, die Informationen zu mehr als 140 Wahlkampagnen weltweit aus Umfragen oder den Medien bereitstellt. Dies ermöglichte Vergleiche mit Parametern wie Aggressivität der Kampagne, Art der Angriffe zwischen den Kandidierenden oder Verwendung von Emotionen wie Angst und Argumenten wie Anti-Elitarismus.
Die NEGex-Datenbank enthält zudem eine Bewertung der Kandidierenden durch anerkannte Expertengremien, basierend auf den Kriterien der sogenannten dunklen Triade. Diese 2002 von den Psychologen Delroy L. Paulhus und Kevin M. Williams entwickelte Klassifikation bezeichnet ein häufiges Zusammentreffen von drei Persönlichkeitsmerkmalen: Narzissmus mit übersteigertem Selbstwertgefühl und mangelnder Empathie, Machiavellismus mit amoralischem Streben nach Ausbeutung anderer und Psychopathie mit Impulsivität und fehlender Rücksichtnahme. Diese Charakterzüge finden sich bei allen Menschen, so auch bei gewählten Politikerinnen und Politikern. "Im Durchschnitt weisen die Vertreterinnen und Vertreter der populistischen Rechten dabei höhere Werte auf", erklärt Ferreira da Silva. "Allerdings macht das Phänomen auch vor den anderen Parteien nicht halt."
Durch die Verbindung dieser Daten konnte Ferreira da Silva zeigen, dass Wählerinnen und Wählern, die eine politische Führungsfigur mit hohem Wert auf der Skala der dunklen Triade unterstützen, stärker polarisiert sind. Die gruppenbezogene Polarisierung kann auf zwei Arten verstärkt werden: durch die Antipathie gegenüber dem gegnerischen Lager oder durch die Rhetorik des eigenen Lagers. Ferreira da Silvas Untersuchung stellte keine wesentlich ausgeprägtere Polarisierung der Wählenden aufgrund stärkerer negativer Vorstellungen über das gegnerische Lager fest. Entscheidend ist vielmehr die Rhetorik innerhalb der eigenen Partei.
Dies legt auch nahe, dass die affektive Polarisierung eher eine Frage des Angebots als der Nachfrage ist. Anders gesagt: Es findet dabei eher ein Transfer von den Führungsfiguren auf die Wählenden statt als umgekehrt. "Natürlich handelt es sich bis zu einem gewissen Grad um eine Spirale aus Angebot und Nachfrage", räumt der Forscher ein. "Aber wenn man den Einfluss der beiden Faktoren vergleichen muss, würde ich sagen, dass hier hauptsächlich ein Top-down-Phänomen vorliegt."
Ferreira da Silva ist besorgt über den polarisierenden und sehr direkten Einfluss, den politische Führungsfiguren mit den typischen Merkmalen der dunklen Triade auf die Bevölkerung ausüben. "Es gibt noch keinen wissenschaftlichen Konsens zu dieser Frage, aber viele Indikatoren deuten darauf hin, dass die am stärksten polarisierten Wählerinnen und Wähler auch die Erosion der demokratischen Normen am stärksten unterstützen."
Der Text dieser News und weitere Informationen stehen auf der Webseite des Schweizerischen Nationalfonds zur Verfügung.
Pressekontakt:
Frederico Ferreira da Silva
Institut der Politikwissenschaften
Universität Lausanne
E-Mail: frederico.silva@unil.ch